„Einfach mal eine Stunde länger“ – klingt harmlos, ist es aber nicht. Während in der Politik über flexiblere Höchstarbeitszeiten und längere Arbeitstage diskutiert wird, hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) die vorliegende Forschung zu langen Arbeitszeiten zusammengetragen. Das Ergebnis ist eindeutig – und ziemlich unbequem: Ab einem bestimmten Punkt steigt das Risiko für Fehler, Unfälle und Krankheiten nicht linear, sondern deutlich schneller. Wir schauen im heutigen Studien-Check ehrlich hin: Was ist belegt, was nicht?
Was die Auswertung zeigt
Die BAuA stützt sich nicht auf eine einzelne Momentaufnahme, sondern auf eine Vielzahl arbeitsmedizinischer Studien und Übersichtsarbeiten. Die zentralen Schwellen laut BAuA-Dossier „Lange Arbeitszeiten“:
- Ab 9 Stunden täglicher Arbeitszeit steigt das Risiko für Fehler und sicherheitskritische Vorfälle spürbar an.
- Ab 10 Stunden nimmt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu.
- Ab 12 Stunden ist die Unfallrate – am Arbeitsplatz oder auf dem anschließenden Heimweg – rund doppelt so hoch wie nach 8 Stunden. Wer regelmäßig so lange arbeitet, riskiert zudem chronische Erschöpfung, Burnout und Typ-2-Diabetes.
Entscheidend ist das Wort exponentiell: Das Unfallrisiko wächst mit jeder zusätzlichen Stunde nicht gleichmäßig, sondern beschleunigt sich. Die Müdigkeit der letzten Stunde eines langen Tages wiegt schwerer als die der ersten. Als „lange“ Arbeitszeiten gelten in den meisten Studien mehr als 10 Stunden am Tag oder 40 bis 48 Stunden pro Woche; über 48 Wochenstunden spricht man von „überlangen“ Arbeitszeiten.
Ehrlich eingeordnet
Ein fairer Studien-Check nennt auch die Grenzen. Viele der Befunde beruhen auf Beobachtungsstudien – sie zeigen Zusammenhänge, keine wasserdichte Ursache-Wirkung. Wer zwölf Stunden arbeitet, tut das oft unter Termindruck, Personalmangel oder in belastenden Branchen; ein Teil des Risikos hängt also am gesamten Arbeitsumfeld, nicht allein an der Uhr. Auch spielt eine Rolle, wie die Stunden verteilt sind: Pausen, Erholungszeiten zwischen zwei Schichten und die Art der Tätigkeit (körperlich, sicherheitskritisch, Bildschirm) verändern das Bild.
Was die Richtung angeht, ist die Forschung aber bemerkenswert konsistent: Mehr Stunden bedeuten im Schnitt mehr Fehler, mehr Unfälle und langfristig mehr gesundheitliche Belastung. Das deckt sich mit den Einschätzungen von Gewerkschaften und arbeitsmedizinischen Fachgesellschaften. Nicht belegt ist dagegen die oft gehörte Behauptung, ein bisschen mehr Arbeit sei „schon nicht so schlimm“ – ab neun Stunden zeigt die Datenlage das Gegenteil.
Was bedeutet das für dich?
- Die neunte Stunde ist ein Warnsignal: Wenn du sicherheitsrelevant arbeitest – am Steuer, an Maschinen, auf dem Bau –, sinkt genau dann deine Konzentration am stärksten. Plane die kritischen Aufgaben nicht ans Ende eines langen Tages.
- Der Heimweg gehört dazu: Viele Unfälle passieren nicht am Arbeitsplatz, sondern übermüdet auf der Fahrt nach Hause. Nach einer sehr langen Schicht lieber eine Pause, Kaffee oder öffentliche Verkehrsmittel.
- Pausen und Ruhezeiten sind kein Luxus: Die gesetzliche Mindestruhezeit von 11 Stunden zwischen zwei Arbeitstagen existiert genau aus diesem Grund. Verkürzte Ruhezeiten summieren sich zu einem echten Risiko.
- Muster erkennen: Einzelne lange Tage sind verkraftbar. Gefährlich wird es, wenn Überstunden zur Dauerlösung werden. Dann lohnt das Gespräch mit Vorgesetzten oder Betriebsrat.
Fazit: Länger arbeiten ist keine reine Fleißfrage – ab der neunten Stunde wird es messbar zur Sicherheitsfrage. Die BAuA-Auswertung ist kein Grund zur Panik, aber ein guter Anlass, den eigenen Arbeitstag und die Ruhezeiten kritisch anzuschauen. Quellen: BAuA, IG Metall.
