Melatonin kennst du wahrscheinlich als kleine Tablette für besseren Schlaf – rezeptfrei, pflanzlich klingend, scheinbar harmlos. Genau dieses Image bekommt gerade einen Dämpfer. Eine große Auswertung von US-Patientendaten, vorgestellt bei den Scientific Sessions der American Heart Association (AHA), bringt die Langzeiteinnahme mit einem deutlich höheren Risiko für Herzschwäche in Verbindung. Wir ordnen ein – ehrlich und ohne Panikmache.
Was die Studie gefunden hat
Die Forschenden werteten über das TriNetX-Netzwerk die Krankenakten von rund 130.800 Erwachsenen mit Schlafstörungen über fünf Jahre aus. Verglichen wurden Menschen, die mindestens ein Jahr lang Melatonin einnahmen, mit einer möglichst ähnlichen Gruppe ohne Melatonin (abgeglichen über 40 Merkmale wie Alter, Vorerkrankungen und Medikamente). Wer bereits eine Herzschwäche hatte oder andere Schlafmittel nutzte, flog aus der Auswertung.
- Eine Herzinsuffizienz trat bei 4,6 % der Melatonin-Nutzer auf – gegenüber 2,7 % in der Vergleichsgruppe. Das entspricht einem rechnerisch rund 90 % höheren Risiko.
- Krankenhausaufenthalte wegen Herzschwäche waren etwa dreieinhalbmal so häufig (19,0 % vs. 6,6 %).
- Auch die Gesamtsterblichkeit lag höher (7,8 % vs. 4,3 %).
Warum du die Zahlen vorsichtig lesen solltest
So alarmierend die Prozente klingen – das ist noch kein Beweis. Drei Punkte sind entscheidend:
- Nur ein Konferenz-Abstract. Die Ergebnisse wurden auf einem Kongress präsentiert, aber noch nicht in einer Fachzeitschrift begutachtet. Bis dahin gelten sie laut AHA als vorläufig.
- Beobachtung statt Experiment. Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Die AHA schreibt selbst, man könne keinen direkten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang belegen.
- Wer Melatonin nimmt, ist anders. Hartnäckige Schlafprobleme hängen oft mit Stress, Übergewicht oder bislang unerkannten Herzproblemen zusammen – all das kann die Zahlen mit erklären. Frei verkäufliche Präparate tauchen in den Akten zudem gar nicht auf.
Was bedeutet das für dich?
Kein Grund zur Panik – aber ein guter Anlass, das eigene Schlafmittel zu hinterfragen:
- Nicht in Panik absetzen. Wenn du Melatonin nimmst und dich gut fühlst, besteht kein akuter Grund, es sofort wegzulassen. Besprich die Langzeiteinnahme aber beim nächsten Arzttermin.
- Melatonin ist kein Dauer-Lifestyle. Es ist für kurzfristige Einsätze gedacht – etwa bei Jetlag oder Schichtarbeit – nicht als Jahre-Routine ohne ärztliche Begleitung.
- Schlafhygiene zuerst. Feste Zeiten, dunkles Schlafzimmer, Bildschirm-Pause vor dem Zubettgehen und weniger Koffein am Abend wirken nachhaltiger als jede Tablette – ganz ohne Nebenwirkungen.
- Vorerkrankt? Doppelt aufmerksam. Wer bereits Herz-Kreislauf-Probleme hat, sollte Nahrungsergänzungsmittel grundsätzlich nicht auf eigene Faust dauerhaft einnehmen.
Fazit: Die Daten sind ein ernstzunehmendes Warnsignal für den Dauergebrauch, aber kein endgültiges Urteil. Guter Schlaf entsteht selten aus einer Pille – sondern aus Gewohnheiten, die du selbst in der Hand hast.

