S1, S3, EN 388, FFP2, CE, Kategorie III – auf jeder Verpackung von Schutzausrüstung stehen kryptische Kürzel. Welche brauchst du wirklich, und was steckt dahinter? Dieser Guide bringt Ordnung ins Normen-Wirrwarr: mit Übersichtstabellen für jeden Körperbereich, den wichtigsten Schutzklassen im Detail und einem ausführlichen FAQ. Ideal zum Nachschlagen, bevor du deine nächste Persönliche Schutzausrüstung (PSA) kaufst.
Der rechtliche Rahmen: EU-Verordnung 2016/425 und das CE-Zeichen
Jede Persönliche Schutzausrüstung, die in der EU verkauft wird, unterliegt der PSA-Verordnung (EU) 2016/425. Sie schreibt vor, welche Anforderungen ein Produkt erfüllen muss und wie es geprüft wird. Sichtbares Zeichen dafür ist das CE-Kennzeichen: Es bedeutet, dass der Hersteller die Konformität mit den geltenden Normen erklärt. Bei höherwertiger Schutzausrüstung steht hinter dem CE noch eine vierstellige Nummer – das ist die Kennnummer der „notifizierten Stelle“, also des unabhängigen Prüfinstituts, das die Ausrüstung überwacht.
Die drei PSA-Kategorien
Die Verordnung teilt Schutzausrüstung nach dem Risiko in drei Kategorien ein. Daran erkennst du, wie streng ein Produkt geprüft wurde:
| Kategorie | Schützt vor … | Prüfung | Beispiele |
|---|---|---|---|
| Kategorie I | geringen Risiken | Selbsterklärung des Herstellers | Gartenhandschuhe, Sonnenbrille, Spülhandschuhe |
| Kategorie II | mittleren Risiken | Baumusterprüfung durch eine notifizierte Stelle | Sicherheitsschuhe, Schutzbrillen, Warnkleidung, Helme |
| Kategorie III | tödlichen oder irreversiblen Gefahren | Baumusterprüfung + laufende Überwachung der Produktion | Atemschutz, Gehörschutz, Absturzsicherung, Chemikalienschutz |
Faustregel: Je gefährlicher die Situation, desto höher die Kategorie – und desto genauer solltest du auf die passende Norm achten.
Große Normen-Übersicht nach Körperbereich
Diese Tabelle ist dein Schnell-Nachschlagewerk: Welche EN-Norm gilt für welchen Schutz?
| Körperbereich | Schutzausrüstung | Wichtigste Norm(en) |
|---|---|---|
| Kopf | Industrieschutzhelm | EN 397 (Industrie), EN 12492 (Bergsteigen) |
| Augen/Gesicht | Schutzbrille, Visier | EN 166 |
| Gehör | Kapselgehörschutz, Stöpsel | EN 352 |
| Atemwege | Partikelmaske, Halbmaske | EN 149 (FFP), EN 140/143 |
| Hände | Schutzhandschuhe (mechanisch) | EN 388 |
| Hände | Schutzhandschuhe (Chemie / Hitze) | EN ISO 374 / EN 407 |
| Füße | Sicherheitsschuhe | EN ISO 20345 |
| Körper | Warn-/Sichtbarkeitskleidung | EN ISO 20471 |
| Absturz | Auffanggurt, Verbindungsmittel | EN 361, EN 354/355, EN 360 |
Sicherheitsschuhe: die Schutzklassen nach EN ISO 20345:2022
Der wohl bekannteste PSA-Bereich – und seit der Neufassung EN ISO 20345:2022 (verbindlich seit März 2023) leicht verändert. Grundvoraussetzung für jeden Sicherheitsschuh ist eine Zehenschutzkappe, die 200 Joule Aufprallenergie und 15 Kilonewton statischen Druck aushält. Darauf bauen die Schutzklassen auf:
| Klasse | Bedeutung |
|---|---|
| SB | Grundanforderung: Zehenschutzkappe (200 J). |
| S1 | SB + geschlossener Fersenbereich, antistatisch, Energieaufnahme im Fersenbereich. |
| S2 | S1 + Schutz gegen Wasserdurchtritt und Wasseraufnahme des Obermaterials. |
| S3 | S2 + Durchtrittschutz (Stahlsohle) + profilierte Laufsohle. |
| S3L / S3S | Wie S3, aber mit textilem Durchtrittschutz: L = Prüfung mit 4,5-mm-Nagel, S = mit 3,0-mm-Nagel. |
| S6 | Neu: S2 + vollständig wasserdichter Schuh (WR). |
| S7 / S7L / S7S | Neu: S3 (bzw. S3L/S3S) + vollständig wasserdicht (WR). |
Zusätzlich findest du auf der Schuhzunge oft weitere Kürzel, die einzelne Eigenschaften kennzeichnen:
| Kürzel | Bedeutung |
|---|---|
| P / PL / PS | Durchtrittschutz (metallisch / textil groß / textil klein) |
| WR | gesamter Schuh wasserdicht |
| WPA | Wasserdurchtritt und -aufnahme des Obermaterials |
| M | Mittelfußschutz |
| AN | Knöchelschutz |
| HRO | hitzebeständige Laufsohle (Kontakt bis 300 °C) |
| HI / CI | Wärme- / Kälteisolierung |
| FO | kraftstoffbeständige Laufsohle |
| SC | Scuff Cap – Zehenschutz-Überkappe gegen Abrieb |
| ESD | Ableitung elektrostatischer Ladung |
Schutzhandschuhe: EN 388 entschlüsseln
Auf mechanischen Schutzhandschuhen steht das Hammer-Piktogramm mit einer Zahlen-Buchstaben-Folge. Jede Stelle steht für eine geprüfte Eigenschaft:
| Position | Eigenschaft | Skala |
|---|---|---|
| 1. Ziffer | Abriebfestigkeit | 0–4 |
| 2. Ziffer | Schnittfestigkeit (Coup-Test) | 0–5 |
| 3. Ziffer | Weiterreißfestigkeit | 0–4 |
| 4. Ziffer | Durchstichfestigkeit | 0–4 |
| 5. Stelle (Buchstabe) | Schnittfestigkeit (TDM-Test) | A–F |
| 6. Stelle (Buchstabe) | Schutz gegen Stoß (optional) | P |
Atemschutz: FFP1, FFP2 oder FFP3?
Partikelfiltrierende Halbmasken sind nach EN 149 in drei Schutzstufen eingeteilt. Entscheidend ist, wie viel Prozent der Partikel die Maske abfängt:
| Klasse | Abscheidegrad | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| FFP1 | mind. 80 % | ungiftiger Staub, grobe Arbeiten (z. B. Schleifen von Holz) |
| FFP2 | mind. 94 % | gesundheitsschädlicher Staub, Aerosole, Farbnebel |
| FFP3 | mind. 99 % | giftige/krebserregende Stäube, Sporen, feinste Partikel |
Gehörschutz und Warnkleidung: kurz erklärt
Gehörschutz (EN 352): Der wichtigste Wert ist der SNR (Single Number Rating) in Dezibel – er gibt an, um wie viel dB der Schutz den Lärm im Schnitt senkt. Ein SNR von 30 dB bedeutet grob eine Reduktion von 100 dB auf rund 70 dB. Wichtig: mehr ist nicht immer besser – Überdämmung kann dazu führen, dass man Warnsignale überhört.
Warnkleidung (EN ISO 20471): Sie ist in drei Klassen eingeteilt, je nach Menge des fluoreszierenden und reflektierenden Materials. Klasse 3 bietet die höchste Sichtbarkeit und ist etwa im Straßenbau bei hohem Tempo Pflicht.
| Klasse | Sichtbarkeit | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| Klasse 1 | niedrig | Betriebsgelände, geringes Tempo |
| Klasse 2 | mittel | Warnwesten, Nebentätigkeiten an Straßen |
| Klasse 3 | hoch | Autobahn/Schnellstraße, hohe Geschwindigkeiten |
So findest du die richtige PSA
- Gefährdung zuerst: Überlege, wogegen du dich schützen musst (Stoß, Schnitt, Nässe, Staub, Lärm, Absturz) – die Norm folgt der Gefahr, nicht umgekehrt.
- Auf CE + Kennnummer achten: Bei Kategorie II und III muss eine vierstellige Prüfnummer hinter dem CE stehen.
- Passform schlägt Papier: Die beste Schutzklasse nützt nichts, wenn Schuh, Handschuh oder Maske nicht richtig sitzen.
- Prüfdatum und Verschleiß beachten: Helme, Gurte und Filter haben eine begrenzte Lebensdauer – nach Sturz, Ablaufdatum oder sichtbarem Verschleiß ersetzen.
- Im Beruf gilt die Gefährdungsbeurteilung: Welche PSA nötig ist, legt der Arbeitgeber auf Basis der Gefährdungsbeurteilung fest.
Häufige Fragen (FAQ)
Was bedeutet das CE-Zeichen bei Schutzausrüstung?
Es zeigt, dass der Hersteller die Konformität mit der PSA-Verordnung (EU) 2016/425 erklärt. Steht eine vierstellige Nummer dahinter, überwacht zusätzlich eine unabhängige, notifizierte Prüfstelle das Produkt – das ist bei Kategorie II und III Pflicht.
Was ist der Unterschied zwischen S1, S2 und S3?
S1 ist antistatisch mit Energieaufnahme im Fersenbereich, S2 kommt mit Schutz gegen Wasserdurchtritt des Obermaterials dazu, und S3 ergänzt zusätzlich Durchtrittschutz und eine profilierte Sohle. S3 ist damit der Allrounder für Bau und Außeneinsatz.
Was bedeuten S6 und S7 bei Sicherheitsschuhen?
Diese Klassen sind mit der Norm von 2022 neu und kennzeichnen vollständig wasserdichte Schuhe: S6 entspricht einem S2 mit Wasserdichtheitsprüfung (WR), S7 einem S3 mit WR. Ideal für dauerhaft nasse Umgebungen.
Welche FFP-Maske brauche ich?
Das hängt vom Staub ab: FFP1 (mind. 80 %) für ungiftigen Grobstaub, FFP2 (mind. 94 %) für gesundheitsschädliche Stäube und Aerosole, FFP3 (mind. 99 %) für giftige oder krebserregende Partikel und Sporen.
Was sagt die Zahlenfolge auf Schutzhandschuhen aus?
Sie steht für die EN 388: Die vier Ziffern bewerten Abrieb, Schnitt (Coup-Test), Weiterreißen und Durchstich. Ein zusätzlicher Buchstabe (A–F) gibt die Schnittfestigkeit im moderneren TDM-Test an, ein „P“ steht für Stoßschutz.
Ist ein höherer SNR-Wert beim Gehörschutz immer besser?
Nicht unbedingt. Der Schutz sollte zum Lärmpegel passen. Ist die Dämmung zu stark, überhörst du eventuell Warnsignale oder Zurufe. Ziel ist ein Restpegel am Ohr von etwa 70–80 dB.
Wer legt fest, welche PSA ich im Job tragen muss?
Der Arbeitgeber – auf Grundlage der gesetzlich vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilung. Er muss die passende Schutzausrüstung kostenlos bereitstellen und in die richtige Anwendung einweisen.
Fazit: Normen wirken kompliziert, folgen aber einer einfachen Logik – die Kennzeichnung verrät, wogegen und wie stark ein Produkt schützt. Wer die Gefährdung kennt und die passende Klasse wählt, kauft nie wieder unsicher. Diese Seite kannst du dir als Nachschlagewerk speichern.
Quellen: uvex – Änderungen EN ISO 20345:2022, modyf Normen-Übersicht, DGUV – Persönliche Schutzausrüstung. Dieser Guide ist eine allgemeine Orientierung und ersetzt keine Gefährdungsbeurteilung oder Herstellerangaben.
